Buch, Die Dinge unseres Lebens


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Jeder von uns hat sie – diese Dinge, die man eigentlich nicht braucht. Die uns aber in die Vergangenheit entführen und an ganz besondere Geschichten erinnern. Susanne Mayer geht ihnen in ihrem Buch „Die Dinge unseres Lebens“ auf die Spur.

  • • 304 Seiten

    • Gebundenes Buch | 11,8 x 3,6 x 19,5 cm

  • Wie viele Dinge sich im Laufe des Lebens und der Generationen ansammeln – das erste Kuscheltier, Liebes- und Abschiedsbriefe, Mamas Pelz, Papas Fotos aus dem Krieg, die Kollektion der Lippenstifte, ein alter Gartenhut, gilbe Dokumente, das gute Kristall. Bleibt alles übrig, wenn wir gehen. Vorbeugendes Aufräumen? Sich „sterbefein machen“, wie die Bayern sagen? Schafft kaum einer und warum auch?
    Susanne Mayer verweigert sich dem Zeitgeist, das alles als Gerümpel zu entsorgen. Die gefeierte Autorin, Literaturkritikerin und Zeit-Kulturreporterin wendet sich den Dingen zu und schreibt, leicht und elegant, von dem, was sich in ihnen verdichtet. Es entsteht ein Familienporträt, das anrührend ist und tief verstörend, zum Lachen verführt und nichts weniger ist als eine poetische Geschichte der Bundesrepublik.

    „Ein einfühlsames, so genau und fabelhaft geschriebenes Buch.“ Süddeutsche Zeitung Spezial

    „Ein Buch, das mit jeder Seite 1000 eigene Erinnerungen weckt.“ Stern

  • Hausaufgabe

    Es war so etwas wie der Sommer meines Lebens. Nicht in dem Sinne, dass es der schönste gewesen wäre, der glücklichste oder auch nur der aufregendste.

    Es war ein Sommer, in dem sich die Jahre des vorangegangenen Lebens unerwartet zusammenballten, verdichteten zu einer Essenz von dem, was war und noch davor gewesen war. Ich verbrachte in diesem Sommer, der einer der ersten Sommer des neuen Jahrtausends war, viele Wochenenden in dem Haus meiner Mutter, in dem wir aufwuchsen, es war ein schönes Haus am Rande einer mittelgroßen Stadt mit Blick auf den Wald.

    Meine Mutter war nicht mehr da. Alle waren weg. Der Vater schon lange, die Kinder, die Mieter im Obergeschoss – alle. Ich war allein, mit all diesen Dingen. Wie viel wird bleiben von uns? Was möchten wir, was bleibt, wenn wir weg sind? In einer Ausstellung über das Alter im Wiener Belvedere zeigt die japanische Fotokünstlerin Miyako Ishiuchi im Jahr 2017 letzte Fundstücke von ihrer Mutter, sie heißen Mother #5 oder Mother #36. Das erste, Mother #5, zeigt ein Damenunterkleid aus schwarzer Seide, dessen Brustpartie sich in einer schönen schwarzen Spitze auffächert – ein kleines Nichts, es wirkt, als wäre der Körper der Mutter gerade erst daraus verschwunden und hätte diesen Hauch von Schwarz hinterlassen, eine Durchsichtigkeit, in der sich Abwesenheit und Verlangen, Liebe und Trostlosigkeit, Fassungslosigkeit und Akzeptanz des Unabänderlichen verschränken. Daneben: das Bild eines Lippenstifts. Aus einem bronzefarbenen Trichter, der auf einen lackschwarzen Sextagon aufgesetzt ist, wächst ein Stummel von dunklem Rot. Der Lippenstift ist fast bis zum Ende aufgebraucht, aber in dem winzigen Rest hat sich die Spur der Lippen erhalten, als kleine Kurve um ein Nichts.

    Eine Chiffre der Abwesenheit, sie sagt stumm: Mehr als diese Leerstelle im Fett des Lippenstifts bleibt vielleicht nicht von uns. Nun, als meine Mutter fort war, sie verbrachte diesen letzten Sommer ihres Lebens in einem Seniorenheim am Ufer des Rheins, blieb sehr viel mehr zurück als ein seidenes Unterkleid und ein abgemümmelter Lippenstift. Da waren in dem Haus mit dem großen Garten ein weitläufiges Erdgeschoss und darunter – der Stolz der elterlichen Bauherren – die kostenintensive Komplettunterkellerung: Vorraum und Waschküche, sauber gefliest, das Gästezimmer mit der mausgrauen Auslegware; man hatte dazu einen Restbestand vom Teppichboden des Wohnzimmers verwertet, den meine Eltern, die von ihren Eltern zur Sparsamkeit erzogen worden waren, für den Fall der Fälle aufgehoben hatten. Da war der Heizungskeller mit abgedichteter Ölwanne und Sicherheitsschloss an der Tür, ein Raum für Eingemachtes mit einem Weinregal aus kraftvollen Schmiedeeisenarabesken, dessen Tür abzuschließen gewesen wäre, aber nie wurde, man hatte es wohl angeschafft, weil es gut zum Haus passte, mit seiner Haustür aus schwerem Schmiedeeisen, den Fenstern, dem Treppengeländer aus Schmiedeeisen, deren Kringel mein Vater in Nachtarbeit entworfen hatte.

    Da war der sogenannte Zickzackkeller, der bis unter den Garten ragte, und vor all diesen Kellerräumen lag die kleine Kellerdiele, in der die Chippendale-Vitrine abgestellt worden war, die sich einmal das Schmuckstück des Esszimmers hatte nennen können. Das Chippendale, das zur Aussteuer meiner Mutter gehört hatte, dann aber in den Keller abgeschoben wurde, als ein stylishes Möbel aus Glas mit Bronze ihren Platz im Esszimmer eroberte. Man kam in den Keller und wurde dort also von der einsamen Vitrine begrüßt und dem in ihr immer noch zur Schau gestellten silbernen Teegeschirr, ebenfalls Aussteuer und seit Jahrzehnten nicht mehr benutzt. Immerhin behauptete es seinen Platz in der Vitrine, dieses Set aus Teekanne, Kaffeekanne, Milchkännchen mit Zuckerdose. Das Silber war schon ein wenig abgeschubbert, darunter trat das weiße Porzellan zutage. Die Teekanne hatte ihren Deckel verloren, wohl in den Jahren, in denen wir Kinder sie zur Abmessung des Kaninchenfutters entwendet hatten – bis Heidi, unser Kaninchen, geschlachtet worden war, vielleicht, weil die Eltern mit Grund bezweifelten, ob sie das geeignete Objekt war, um den Kindern verantwortungsvolles Kümmern beizubringen. Jemand hatte aber mit der Kanne Erbarmen gehabt und ihr wieder den angestammten Platz in der Vitrine eingeräumt, wiewohl jetzt mit ihr heruntergestuft zum Kellermöbel, aber wenigstens nicht entsorgt.

    Niemand war in den Jahrzehnten nach der Schlachtung von Heidi und ihrer Verarbeitung zum Sonntagsbraten auf die Idee gekommen, die Vitrine zu entsorgen, geschweige denn, das abgeschubberte silberne Geschirr. „Wegschmeißen kann man noch immer!“, pflegte meine Mutter zu sagen. Das galt auch für viele andere Dinge. Alle Kellerräume waren voll. Mit was? Nicht gebrauchten Möbeln aus einem ganzen Jahrhundert, klumpigen schweren Daunendecken, kratzigen Pferde-Wolldecken, muffigen Kissen, den Dokumenten und Urkunden von Generationen, verklebten Büchern, abgelaufenen Konserven etc., davon wird noch im Einzelnen die Rede sein. Einige Kellerräume waren bis unter die Decke vollgestopft. Reichlich gefüllt auch Mutters Räume im Erdgeschoss, die Küche mit der Abstellkammer und dem Spind, das Esszimmer und das Wohnzimmer, das sich anschließende Arbeitszimmer, ihr Schlafzimmer: alles sehr, sehr voll.

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